Aua!

Kurzes Fazit bzw. ein paar unsortierte Gedanken zu den Landtagswahlen gestern:

Was wir gestern erlebt haben, war wohl der größte Arschtritt für die demokratischen Parteien seit sehr langer Zeit, die damit die Früchte ihrer neoliberalen Politik der letzten 40 Jahre ernten, in denen es keine Partei geschafft hat die berechtigten Ansprüche der weiterwachsenden Unterschicht ernstzunehmen, geschweige denn zu verbessern. Und wenig überraschend haben nun weite Teile der Bevölkerung das Vertrauen verloren, dass die Demokraten, egal wie bunt bemalt, noch irgendeine Problemlösungskompetenz besitzen. Um auf das Beispiel Sachsen-Anstalt zu kommen: dort haben von den 1,8 Mio. Wahlberechtigten nur knapp 820000 für die demokratischen Parteien im Parlament gestimmt. (inkl. Die Linke) Heißt: weniger als die Hälfte der Menschen hat überhaupt noch demokratisch gewählt. Ich würde hier nicht nur einen „Vertrauensverlust“ sehen, der sich mit ein paar markigen Sprüchen, Brot und Spielen beheben lassen wird. Für mich sind wir mitten drin in einer full blown Systemkrise. Ich vermute die Gegenreaktion der Parteien wird sich aber eher auf die üblichen Durchhalteparolen beschränken. „Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen!“ „Wir werden uns mit der AfD auseinandersetzen.“ usw…

Größter Profiteur ist zweifelsohne die AfD. Wenn mensch den ersten Analysen trauen darf, hat es die AfD sowohl geschafft, massiv die Nicht-WählerInnen zu mobilisieren, als auch den etablierten Parteien Stimmen abzunehmen. Deutlichstes Indiz ist die gestiegene Wahlbeteiligung. Sie ist damit zum Sammelbecken der Enttäuschten und Abgehängten geworden. Einziger kleiner Hoffnungsschimmer: größtenteils sind das ProtestwählerInnen, die den etablierten einen Denkzettel austeilen wollen, für die die Inhalte der AfD relativ bumms sind. Anders formuliert: die Leute sind noch nicht gänzlich verloren. Wenn CDUSPDFDPGrüneLinke endlich mal Politik machen würden, die die soziale und ökonomische Lage der Menschen verbessert, können diese ProtestwählerInnen wieder ins demokratische Lager zurück geholt werden. Theoretisch.

Ansonsten wird’s in den nächsten Tagen und Wochen wohl unterhaltsam die Parteien bei der Koalitionsbildung zu beobachten, alle drei Landesregierungen sind in ihrer bisherigen Konstellation abgewählt worden. Ich würde mir ja eine große Koalition der demokratischen Parteien wünschen, die geschlossen Probleme angeht, statt sich in endlosem parteipolitischen taktieren, Personaldebatten und Bullshit-Bingo zu verheddern. Ja ja…ich gebe zu, ich bin fürchterlich naiv und das ist alles sehr realitätsfern, aber alles andere wäre nur Wasser auf die Mühlen der AfD. Sollten die Demokraten jetzt nicht zusammenarbeiten, wird dies das Vertrauen in die demokratischen Parteien weiter schwächen. Ich glaube das können wir uns nicht mehr leisten.

Geh wählen, du Kartoffel!

Die Wahllokale in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und BaWü sind offen. Bewegt euren Allerwertesten zur nächstgelegenen Urne und macht euer Kreuz irgendwo links von der CDU, denn…

..wählen ist wie Zähneputzen: beides dauert nur 3 Minuten und wenn du’s vergisst, wird’s braun!

Zugegeben kein sonderlich innovatives oder kreatives Zitat, aber selbst ich, als überzeugte Zweifler an dem was gerne Demokratie genannt wird, muss zugeben, dass Wählen gegenwärtig das einzige Mittel ist, um die AfD-Faschisten in den Parlamenten klein zu halten. Also Arsch hoch! #noafd

Ich sage es auch ganz ehrlich und ohne es mit der Dramatik übertreiben zu wollen: mich gruselt es jetzt schon vor den Hochrechnungen heute Abend, besonders in Sachsen-Anhalt. Ich habe die abstrakte Angst, dass eines Tages meine Kinder mich fragen, „warum habt ihr denn damals, 2016, nichts gegen die Faschisten gemacht?“, genauso wie wir unsere (Ur-) Großeltern fragen mussten, warum sie 1933 nur apathisch zuschauten, als die NSDAP durch die Straßen zog. Zu groß sind die Parallelen…


UPDATE [2016_03_13 11:30Uhr]: Ich gab gerade meine Stimme ab und war doch sehr angenehm überrascht. Obwohl es erst halb 12 war, war das Wahllokal schon sehr gut besucht. Das gibt mir etwas Hoffnung.

None of the above!

Passend zu den anstehenden Landtagswahlen morgen, geht es in dem heutigen Artikel um etwas Wahlrechtstheorie. Dass es besonders die Politikverdrossenheit ist, die uns jetzt auf die Füße fällt, nachdem sie jahrelang von der Politik ignoriert bzw. sogar ausgenutzt wurde, hatten wir HIER bereits. Eine Frage, die man sich in diesem Zusammenhang stellen könnte, wäre, ob die Unzufriedenheit der Abgehängten bereits vorher, durch eine Modifikation des Wahlrechts, hätte kanalisiert werden können.

Eine Möglichkeit, die immer mal wieder genannt wird, ist die Einführung von sogenannten „None of the above“-Modellen. Diese sind relativ simpel, was den Vorteil hat, dass der Aufwand für WählerInnenbildung und Wahlrechtsreform sehr gering ist. Im wesentlichen wird einfach auf dem normalen Wahlzettel eine Alternative hinzugefügt: „ich wähle keine/n der Genannten“. Je nach Ausgestaltung des System, könnte ein Quorum festgelegt werden, beispielsweise 30 Prozent. Wenn die „keine/n der Genannten“-Alternative dieses Quorum überschreitet, muss die Wahl wiederholt werden, notfalls solange, bis die Parteien passende KandidatInnen gefunden haben, die dem Pöbel genehm sind. (was in einer Demokratie ja eigentlich Grundvoraussetzung sein sollte)

Ich war bisher kein großer Fan dieses Ansatzes, da ich ihn in Praxis für schwer umsetzbar hielt. Meine Befürchtung gingen in die Richtung, dass die zusätzliche Alternative, nur als Auffangkategorie dient, die es sehr leicht macht für alle politischen Strömungen „dagegen“ zu sein, ohne eigene, konstruktive Lösungen zu entwickeln. Wenn alle Nicht-WählerInnen, sowie die, die bisher wahllos ihr Kreuz bei den Volxparteien gemacht haben, nun einfach „dagegen“ votieren, haben wir zwar eine steigende Wahlbeteiligung und eine deutlichere Abbildung des WählerInnenwillens, aber um den Preis, dass locker 50% der Wahlberechtigten sich in dieser Auffangkategorie wiederfinden, ohne, dass dies grundsätzlich was an der Unzufriedenheit ändert.

Ich bin von dieser Position mittlerweile etwas abgerückt. Die Vorteile dieses Systems werden besonders auf die gegenwärtige Situation, mit der AfD bzw. Rechtspopulismus/-radikalismus im Allgemeinen und einem hohen Grad an Unzufriedenheit mit den etablierten Demokraten, angewandt, deutlich. Einer der Vorteile ist, dass besonders die ProtestwählerInnen die Möglichkeit haben gegen die Etablierten zu stimmen, die eigentlich demokratische Grundüberzeugungen haben, aber auf Grund von Enttäuschung gegenüber allen etablierten Parteien bisher zu Hause geblieben sind. Diese könnte ihrem Protest Ausdruck verleihen, bevor die Enttäuschung sich radikalisiert und in Systemfeindlichkeit umschlägt. Diese Option gab es bisher nicht. Stattdessen sammeln sich die Abgehängten nun hinter den AfD-Nazis, da diese suggeriert die einzige Partei zu  sein, die sich gegen eben diese Etablierten stelle.

Ein weiterer Vorteil, der weniger mit der AfD zu tun hat, sich aber mit meiner Kritik an Parteipolitik decken würde: bisher wurden ALLE KandidatInnen in parteiinternen Prozessen „ausgemoschelt“, ohne dass Otto Normal oder Lieschen Müller da einen wirklichen Einfluss drauf hat. Ja ja, mir ist bewusst, dass theoretisch jede/r politisch aktiv werden kann, aber sind wir mal alle ehrlich miteinander: dies ist in der Praxis extrem schwierig. Entweder ich trete selbst einer Partei bei und unterziehe mich dem parteiinternen Selektionsprozess, der meiner Meinung nach auf reinen Konformismus setzt und damit jedes alternatives Denken im Keim erstickt, oder ich gründe eine eigene Wahlgemeinschaft, was für die allermeisten, mich mit eingeschlossen, schon aus Zeitgründen nicht möglich ist. Die „dagegen“-Alternative würde die Parteien schon frühzeitig dazu zwingen KandidatInnen auszuwählen und Politiken zu präsentieren, die konstruktiv und wirklich mehrheitsfähig (gemessen an der Gesamtbevölkerung, nicht der abgegebenen Stimmen) sind. Schaffen die Parteien dies nicht, so wie m.E. gegenwärtig, kann dagegen gestimmt werden, zur Not eben solange, bis die Parteien dieses Problem endlich gelöst bekommen und damit das tun, wofür sie in einer Demokratie eigentlich da sind: die Bevölkerung „von unten“ repräsentieren, statt elitärer Selektion.

Ich habe zu dieser Möglichkeit bisher noch keine abschließende Meinung. Ich habe auch nur die mir wichtigsten Argumente sehr subjektiv ausgewählt und weise ausdrücklich darauf hin, dass es deutlich mehr Gründe für und wider einer solchen Regelung gibt. Ich denke aber auch, dass es -wenigstens auf Kommunalebene- durchaus mal einen Versuch wert wäre, auf diese Weise wieder mehr Wahl in die Wahlen zu bekommen. Meinungen?

Jetzt macht ich mich unpopulär…

Zu Beginn, liebe Leserinnen, wünsche ich euch alles Gute nachträglich zum Weltfrauentag. Danke, dass ihr da seid und mich mit den ganzen verwirrten Kerlen nicht alleine lasst!
Aber genug Süßholzgeraspelt. Liebe Frauen, liebe Feministinnen, es gibt da etwas was ich schon immer mal loswerden wollte und der gestrige Weltfrauentag dient mir als angemessener Aufhänger. Mangels passender Überleitung, pöble ich jetzt einfach munter drauf los:
[es schleichen sich langsam die ersten KampftrollInnen aus den dunklen Ecken des Internets heran, voller Vorfreude, einen Vorwand herbei sehnend, mich mit Ziegelsteinen durch die Anonymität des Internet bewerfen zu können]
Ich las neulich, eher zufällig mal wieder etwas von der einzig wahren Emma Goldman. Da fiel mir auf, dass die feministische Theorie und Debatte vor mehr als hundert Jahren schon einmal deutlich weiter war als heute. Was die Anarchas und Feministinnen damals verstanden, war, dass die Diskriminierung der Frau „nur“ eine Diskriminierung unter vielen ist und die Ursachen dafür nicht nur durch den Böswillen der Kerle kam, sondern systemische, im Aufbau unseres politischen und gesellschaftlichen Systems angelegte Ursachen hat. Ihrer Meinung nach, war die Wurzel allen Übels Macht in all seinen Formen. Ihre Lösung war so radikal wie einfach: ein politisches System schaffen, das frei von Macht und damit frei von der Möglichkeit zur Ausbeutung ist. So ließen sich alles Spielarten der Diskriminierung umgehen, egal um welche soziale oder gesellschaftliche Gruppe es geht. Zugegeben, diese Darstellung ist (zu) sehr verkürzt und mensch mag den Gedankengang für richtig oder falsch halten, aber in Abgrenzung zu heutigen Debatten, handelt es sich dabei schon um intellektuellen Tiefgang. Ich bin zugegeben kein Expertenexperte für die gegenwärtige feministische Debatte, sicherlich gibt es da auch sehr lesenswerte Beiträge, aber das was in der breiten Öffentlichkeit als Feminismus verkauft wird, ist doch inhaltlich eher seicht. Für mich stellt sich die Argumentationskette häufig so dar: die Kerle benehmen seit 6000 Jahren scheiße und machen alles um sich herum kaputt. Soweit so unstrittig. Aber die Forderung, die daraus abgeleitet wird, ist eben nicht den Kerlen abzugewöhnen scheiße zu sein bzw. die Ursachen für Diskriminierung zu beseitigen. Stattdessen wird gefordert, wenn Kerle scheiße sein dürfen, dann ist es nur im Sinne der Gleichberechtigung, dass auch Frauen sich jetzt scheiße benehmen dürfen. Genau was wir brauchen: noch mehr Menschen die scheiße sind! Sorry zusammen, aber das hat weder was mit Gleichberechtigung, noch mit Emanzipation zu tun. Es ist keine Lösung für irgendwas, ganz im Gegenteil: das ist einfach nur dumm. [Mädels, hat er uns gerade beleidigt?]
Zweiter Gedankengang, ebenfalls ohne passende Überleitung: Läuft die Ausrufung eines „Frauentages“ nicht dem Ziel der Gleichberechtigung entgegen? Gerade die Anti-Gender-FeministInnen sollte es doch zu denken geben, wenn einerseits das Konzept des sozialkonstruierten Geschlechts abgelehnt wird, aber gleichzeitig eine soziale Gruppe, definiert über die Genitalien, hervorgehoben wird? Es erscheint mir in sich nicht ganz schlüssig. Deswegen schwinge ich mich wieder zum links-grün versifften Gutmensch Populisten auf und fordere folgendes: Einführung eines Weltmenschtag, an dem wir uns einfach mal alle selbst feiern, ohne das eine soziale Gruppe übersehen wird.
In dem Sinne: seid heute einfach mal nett zueinander. Unabhängig von euren Genitalien.

Fußball ist scheiße!

Jawohl! Und zwar aus ganz ganz vielen Gründen. Einer wird heute sehr trefflich in der taz beschrieben:

Der allerschlimmste Ort aber ist das Fußballstadion. Das Prinzip lautet: Ich trage einen roten Schal, deshalb hasse ich alle, die einen grünen Schal tragen. […]

Schon bei der Anreise müssen die feindlichen Gruppen mit einem großen Polizeiaufgebot auseinandergehalten werden, weil sie sonst aufeinander losgehen würden. Das muss man sich mal vorstellen. Nur weil sie Anhänger eines anderen Sportvereins sind. Ich meine, jeder ist ja Fan von irgendwem. Aber wir Bernd-Begemann-Fans würden nie auf die Idee kommen, die Spacken auf einem Revolverheld-Konzert anzugreifen. Die sind zwar doof, aber so was tut man eben nicht. Wir laufen auch nicht herum und grölen: „Revolverheld, die dümmste Band der Welt, intellektuell meilenweit entfernt, von unserem Bernd.“ Obwohl es stimmt.

Betrunkenes Grölen in großen Gruppen, undifferenzierter Hass, bedingungslose Treue zur eigenen Organisation, unsanktioniertes schlechtes Benehmen in öffentlichen Verkehrsmitteln – das macht die Faszination Fußball aus.

Sowas gibt’s in keinem anderen Sport. Und das nennt der Michel dann euphemistisch „Fankultur“. Hinzu kommt natürlich noch, dass Fußball als Sport einfach nur absolut hohl ist: das einzige was mensch können muss, ist laufen und strunzdumm sein, sonst nix. Das ist wahrscheinlich auch Grund warum der Deutsche zu ihm eine so innige Beziehung pflegt. Ohne Anspruch kann sich auch noch der letzte Depp, natürlich vom Sofa aus, als Sportexperte profilieren. Und in diesen Mist wird dann so viel Kohle reingepumpt, die dann für die interessanteren Sportarten fehlt. Damit ist Fußball wohl das perfekte Spiegelbild unser Gesellschaft.

So, das wollte ich schon immer mal loswerden. Ich geh dann jetzt Baseball spielen..a smart persons sport

Wahlprogramm AfD-SA

Der Verein Miteinander e.V. hat sich HIER mal die Mühe gemacht das „Wahlprogramm“ der AfD-Sachsen-Anhalt auseinander zunehmen und einzuordnen. Wie ich bereits hier im Blokk irgendwo mal schrub, ist das Programm mehr als bloß eine Hetzschrift gegen Geflüchtete. Die Autoren zeigen, dem Format geschuldet leider etwas zu knapp, wie sehr sich die AfD in allen Politikbereichen über Volk und Identität definiert. Egal ob Einwanderung, Bildung oder Kultur: was einige immer noch als „erzkonservativ“ bezeichnen würden, ist nichts anderes als pure völkische Ideologie. Argumentativ, wie auch rhetorisch, sind die Parallelen zur NSDAP oder Addis „Mein Kampf“ frappierend.

Ich muss ehrlich sagen, dass sich Teile des Programms gelesen haben, als ob es völlig aus der Zeit gefallen ist. Es ließt sich eher wie eine Streitschrift aus der Zeit der Weimarer Republik. Die Lösung der AfD für so ziemlich Alles liegt darin, einfach die Zeit zurückzudrehen. Zurück zur nationalen Identitäten, rechtlich-verankerter Rassismus und zu den Tugenden, die in zwei Weltkriege geführt haben. Mit dem Hintergrund wäre es wohl falsch die AfD auf Populismus und Protest zu reduzieren, denn sie ist, ideologisch und rhetorisch betrachtet, tief in der NS-Ideologie verwurzelt bzw. stellt sich selbst in deren Traditionslinie. Damit führt die AfD den Faschismus ins 21. Jahrhundert und macht ihn wieder salonfähig.

Es wird gerne das Argument gebracht, dass die Demokraten Anfang der 1930er die Gefahr durch die Nazis nicht abschätzen konnten und diese deshalb unterschätzt hätten. Wir hingegen seien durch unser Vorwissen deutlich sensibilisierter, weshalb „so etwas“ auch nicht noch mal passieren könne. Solange wir nicht deutlich benennen, dass die AfD-Menschen keine Populisten, sondern Faschisten sind, halte ich dieses Argument eher für eine Durchhalteparole zur Gewissensberuhigung. Ich habe im Geschichtsstudium noch gelernt „Geschichte wiederholt sich nicht“. Weil isso. Ich hoffe: stimmtso. Allein mir fehlt der Glaube…

Wahlaufruf

So langsam wird das hier in Sachsen-Anstalt wirklich beängstigend: AfD laut Demoskopen bei 17 (!) Prozent. Die SPD hat bei der gleichen Umfrage nur 1 Prozentpunkt mehr. Auch wenn die Landtagswahlen erst in einem Monat sind, ich möchte euch bereits jetzt schon dringend dazu aufrufen wählen zu gehen, egal in welchem Bundesland. Es ist mir auch völlig bumms wen oder was ihr wählt∗, Hauptsache ihr bleibt nicht zu Hause und macht die AfD damit noch stärker, als Sie ohnehin schon ist.

Selbst ich überzeugter „Ungültig-Wähler“ werde wohl mal über meinen Schatten springen müssen und mein kleines Kreuzchen machen.


∗Ich persönlich habe das Projekt „Linker Ministerpräsident“ noch nicht gänzlich aufgegeben, auch wenn das mit einem absolut charismafreiem linkem Spitzenkandidaten und insbesondere mit einer so starken AfD, eher unrealistisch ist. Aber CDUSPDFDPGrüne wählen ist auch in Ordnung, eh alles eine Suppe.


UPDATE: Und da ist es passiert. AfD lt Umfrage erstmals vor der SPD. Ich glaube lege besser Vorräte an und verschanze mich in meiner Bude. Das macht mir langsam alles zu viel Angst hier.

21.02.1916

Heute vor 100 Jahren begann die Schlacht um Verdun, eines der größten und sinnlosesten Gemetzel der Menschheitsgeschichte. Ich möchte dieses Datum nutzen, um meine eigenen Eindrücke zum Thema Erinnerungskultur und Nationalismus in und um Verdun zu schildern und Kontinuitäten zur heutigen „Debattenkultur“ ziehen.

Ich selbst war vor 2 Jahren im Rahmen einer Studienexkursion in Verdun und Umgebung. Was mich wirklich verstört hat war die Art und Weise, wie immer noch an diese Schlacht, an diesen Krieg gedacht wird. Nationalismen überall: Hier die Guten Franzosen, getrennt von den Briten, die Amerikaner mit ihren opulenten Friedhöfen und irgendwo verscharrt die Deutschen. Das einzige was die Friedhöfe aller Nationen gemeinsam haben: Ausgrenzung nicht-christlicher Religionsgemeinschaften.

Zur Illustration möchte ich gerne mit eine kleine Anekdote beginnen: im Beinhaus von Douaumont, ein riesiges Betonmonument, das böse Zungen als phallusförmig beschreiben würden, liegen die Gebeine von etwa 130000 Soldaten, die nicht mehr identifiziert werden konnten. (Dies ist auch der einzige Grund, warum ausnahmsweise Deutsche und Franzosen zusammen begraben sind: keiner konnte die Reste mehr auseinander halten.) Die Gebeine sind für jedermann durch kleine Fenster in den Seitenflügeln sichtbar. Die schiere Masse sprengte meine Vorstellungskraft. Unter dem Turm befand sich ein Souvenirshop mit allerhand Kriegsnippes: Bücher natürlich, Bilder der Kämpfe, Postkarten, patronenförmige Halskettenanhänger und so weiter. Aber ebenso konnten Ausmalbücher für Kinder erworben werden. Eines dieses Kinderbücher schaute ich mir näher an: die Kinder folgen der Geschichte eines kleinen Hundes, der die französischen Soldaten in den Gräben begleitet und den Kindern so beibringt, wie heroisch es doch sei, für die gute Sache andere Menschen, in diesem Fall Deutsche, über den Haufen zu schießen. Wohlgemerkt, es handelte sich dabei nicht um ein zeitgenössisches Dokument aus den Kriegsjahren. Es war das Jahr 2014!

Ich muss sagen, dass mich dieses Buch tief verstört hat. Haben wir denn gar nichts gelernt?  Sollten wir unseren Kindern nicht lieber beibringen, dass Krieg allgemein bullshit ist? Kein Wort dazu, dass es sich um ein sinnloses Abschlachten von Menschen handelte, egal woher sie kamen. Kein Wort dazu, dass die Lohnsklaven beider Seiten verheizt wurden, um die nationalistischen Gefühle der Mittel- und Oberschichten, die freilich eher selten in den Krieg zogen, zu befriedigen. Kein Wort dazu, dass Krieg immer scheiße ist.

Selbst, dass Kohl und Mitterand sich als Zeichen der Aussöhnung vor dem Beinhaus die Hände gereicht haben und den Toten und Verwundeten aller Nationen gedacht haben, ist vor Ort bestenfalls eine Randnotiz. Und Kriegsgerät, überall Kriegsgerät: welch Fetisch der Mensch doch immer noch dafür hegt, die unterschiedlichsten Arten sich gegenseitig in mundgerechte Stücke zu zerlegen, peinlichst genau zu repräsentieren und als herausragende technische Errungenschaften zu inszenieren!

Stattdessen Hurra-Patriotismus und Antagonismen. Wir die Guten, drüben die bösen. Ein seit Jahrhunderten bewährtes Konzept: wer heute nicht weiß, wer er oder sie ist, bedient sich eben der Bilder vergangenen Tage oder grenzt sich ab. Solche Tendenzen sind universell, sie lassen sich in so ziemlich jedem Land beobachten und sind aktueller denn je: hier die guten Europäer, abgestuft nach Wertigkeit der Nation natürlich, drüben die bösen Moslems oder der Islam und die Araber im allgemeinen. „Wir“ kämpfen mit Friedenswaffen für Demokratie und Menschenrechte, die anderen sind alles Terroristen, die für Unrecht streiten. Auch innergesellschaftlich bekannt: aus purer Angst wird fleißig auf andere getreten, natürlich nur wenn diese schwächer sind und im Kastensystem unter dem Tretenden stehen. Hier die Fleißigen, die Arbeitsamen, Rechtschaffende und Kulturdeutsche – die besten der Besten der Besten. Und auf der anderen Seite, der Abschaum, Arbeitslose, Migranten, „wertlos“ für diese Gesellschaft und damit zum Abschuss freigeben. Das Prinzip ist immer das gleiche: die anderen sind Projektionsfläche für alles was „wir“ nicht sind und nie sein wollen. Alternität nennt es der/die AkademikerIn. Mensch könnte auch sagen: Outsourcing aller unserer Sünden bis nur noch das beste von uns bleibt. Und wenn die anderen das personifizierte Böse sind, dann sind wir, ohne uns groß anstrengen müssen, die Guten. Welch komfortable Lage! Aber wie sollte es auch anders sein: Auflösen von konstruierten Nationalitäten? Kritische Selbstreflexion und Kurskorrektur? Bestimmung der eigenen Position, statt Identität durch Abgrenzung? Wie unbequem, anstrengend und ermüdend.

Auch wenn am heutigen Tag sicherlich viele bedeutungsschwangere Reden über Völkerverständigung und Menschenrechte von Menschen in Anzügen gehalten werden, glaube ich, dass das Dargestellte auch 100 Jahre später noch nicht verstanden haben. Ich bin geneigt zu sagen: nicht verstehen wollen. Antagonismen machen es doch so viel leichter ist die Menschen gegeneinander auszuspielen. Nein, wir haben nichts gelernt aus der Geschichte. Wir machen absichtlich die gleichen Fehler wieder und wieder. Verdun steht heute in Damaskus, Aleppo und Tripolis und anderswo.