21.02.1916

Heute vor 100 Jahren begann die Schlacht um Verdun, eines der größten und sinnlosesten Gemetzel der Menschheitsgeschichte. Ich möchte dieses Datum nutzen, um meine eigenen Eindrücke zum Thema Erinnerungskultur und Nationalismus in und um Verdun zu schildern und Kontinuitäten zur heutigen „Debattenkultur“ ziehen.

Ich selbst war vor 2 Jahren im Rahmen einer Studienexkursion in Verdun und Umgebung. Was mich wirklich verstört hat war die Art und Weise, wie immer noch an diese Schlacht, an diesen Krieg gedacht wird. Nationalismen überall: Hier die Guten Franzosen, getrennt von den Briten, die Amerikaner mit ihren opulenten Friedhöfen und irgendwo verscharrt die Deutschen. Das einzige was die Friedhöfe aller Nationen gemeinsam haben: Ausgrenzung nicht-christlicher Religionsgemeinschaften.

Zur Illustration möchte ich gerne mit eine kleine Anekdote beginnen: im Beinhaus von Douaumont, ein riesiges Betonmonument, das böse Zungen als phallusförmig beschreiben würden, liegen die Gebeine von etwa 130000 Soldaten, die nicht mehr identifiziert werden konnten. (Dies ist auch der einzige Grund, warum ausnahmsweise Deutsche und Franzosen zusammen begraben sind: keiner konnte die Reste mehr auseinander halten.) Die Gebeine sind für jedermann durch kleine Fenster in den Seitenflügeln sichtbar. Die schiere Masse sprengte meine Vorstellungskraft. Unter dem Turm befand sich ein Souvenirshop mit allerhand Kriegsnippes: Bücher natürlich, Bilder der Kämpfe, Postkarten, patronenförmige Halskettenanhänger und so weiter. Aber ebenso konnten Ausmalbücher für Kinder erworben werden. Eines dieses Kinderbücher schaute ich mir näher an: die Kinder folgen der Geschichte eines kleinen Hundes, der die französischen Soldaten in den Gräben begleitet und den Kindern so beibringt, wie heroisch es doch sei, für die gute Sache andere Menschen, in diesem Fall Deutsche, über den Haufen zu schießen. Wohlgemerkt, es handelte sich dabei nicht um ein zeitgenössisches Dokument aus den Kriegsjahren. Es war das Jahr 2014!

Ich muss sagen, dass mich dieses Buch tief verstört hat. Haben wir denn gar nichts gelernt?  Sollten wir unseren Kindern nicht lieber beibringen, dass Krieg allgemein bullshit ist? Kein Wort dazu, dass es sich um ein sinnloses Abschlachten von Menschen handelte, egal woher sie kamen. Kein Wort dazu, dass die Lohnsklaven beider Seiten verheizt wurden, um die nationalistischen Gefühle der Mittel- und Oberschichten, die freilich eher selten in den Krieg zogen, zu befriedigen. Kein Wort dazu, dass Krieg immer scheiße ist.

Selbst, dass Kohl und Mitterand sich als Zeichen der Aussöhnung vor dem Beinhaus die Hände gereicht haben und den Toten und Verwundeten aller Nationen gedacht haben, ist vor Ort bestenfalls eine Randnotiz. Und Kriegsgerät, überall Kriegsgerät: welch Fetisch der Mensch doch immer noch dafür hegt, die unterschiedlichsten Arten sich gegenseitig in mundgerechte Stücke zu zerlegen, peinlichst genau zu repräsentieren und als herausragende technische Errungenschaften zu inszenieren!

Stattdessen Hurra-Patriotismus und Antagonismen. Wir die Guten, drüben die bösen. Ein seit Jahrhunderten bewährtes Konzept: wer heute nicht weiß, wer er oder sie ist, bedient sich eben der Bilder vergangenen Tage oder grenzt sich ab. Solche Tendenzen sind universell, sie lassen sich in so ziemlich jedem Land beobachten und sind aktueller denn je: hier die guten Europäer, abgestuft nach Wertigkeit der Nation natürlich, drüben die bösen Moslems oder der Islam und die Araber im allgemeinen. „Wir“ kämpfen mit Friedenswaffen für Demokratie und Menschenrechte, die anderen sind alles Terroristen, die für Unrecht streiten. Auch innergesellschaftlich bekannt: aus purer Angst wird fleißig auf andere getreten, natürlich nur wenn diese schwächer sind und im Kastensystem unter dem Tretenden stehen. Hier die Fleißigen, die Arbeitsamen, Rechtschaffende und Kulturdeutsche – die besten der Besten der Besten. Und auf der anderen Seite, der Abschaum, Arbeitslose, Migranten, „wertlos“ für diese Gesellschaft und damit zum Abschuss freigeben. Das Prinzip ist immer das gleiche: die anderen sind Projektionsfläche für alles was „wir“ nicht sind und nie sein wollen. Alternität nennt es der/die AkademikerIn. Mensch könnte auch sagen: Outsourcing aller unserer Sünden bis nur noch das beste von uns bleibt. Und wenn die anderen das personifizierte Böse sind, dann sind wir, ohne uns groß anstrengen müssen, die Guten. Welch komfortable Lage! Aber wie sollte es auch anders sein: Auflösen von konstruierten Nationalitäten? Kritische Selbstreflexion und Kurskorrektur? Bestimmung der eigenen Position, statt Identität durch Abgrenzung? Wie unbequem, anstrengend und ermüdend.

Auch wenn am heutigen Tag sicherlich viele bedeutungsschwangere Reden über Völkerverständigung und Menschenrechte von Menschen in Anzügen gehalten werden, glaube ich, dass das Dargestellte auch 100 Jahre später noch nicht verstanden haben. Ich bin geneigt zu sagen: nicht verstehen wollen. Antagonismen machen es doch so viel leichter ist die Menschen gegeneinander auszuspielen. Nein, wir haben nichts gelernt aus der Geschichte. Wir machen absichtlich die gleichen Fehler wieder und wieder. Verdun steht heute in Damaskus, Aleppo und Tripolis und anderswo.

CDU löst die Krisen der Welt

Flüchtlingskrise, marodierende Nazis ziehen durch die Straßen, Gemetzel an jedem Ende der Welt, 800 Mio. Menschen vom Hungertod bedroht und ein Klima, dass uns demnächst um die Ohren fliegt. Und was macht die CDU dagegen? Mehr Nationalismus ins Grundgesetz. Und warum?

[…] weil sie angesichts der wachsenden Zahl an Migranten und Flüchtlingen die Debatte über eine Leitkultur in Deutschland anstoßen will.

Genau was wir jetzt brauchen, eine Leitkultur! Am deutschen Wesen, soll die…ach ne, sorry, falscher Spruch…